Sonntag, 20. November 2011

Kleine große Unterschiede



Ich sitze im “Büro”, starre auf den sonnenbeschienenen Weinberg vor der Schule und warte auf meine Schülerin Salomé. Doch da sie wahrscheinlich nicht mehr kommen wird, hab ich jetzt Zeit über die vergangenen sieben Wochen seit meinem letzten Blog nachzudenken.
Zu allererst stelle ich fest, dass die Zeit hier irgendwie schneller läuft (sieben Wochen schon?), dann stelle ich fest, dass mich die portugiesische Word - Autokorrektur immer noch auf die Palme bringt und irgendwie stellt sich gleichzeitig das Gefühl ein: Ich habe mich hier eingelebt.
Castelo de Leiria
"Meine" Schule: Escola Secundária F.R.Lobo
Ich bin ja fast versucht, meinen Terminkalender herauszuholen und einfach aufzuzählen, was ich alles so gemacht hab in der letzten Zeit, aber vielleicht sollte ich auch Rubriken aufmachen, damit jeder das lesen kann, was er will… noe (wo istd as oe?? Braucht man irgendwie viel seltener als ä und ü..), ich werde jetzt einfach über das schreiben, was auf der Hand liegt und mich natürlich viel beschäftigt – die (kulturellen) Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen/von Portugal und Deutschland. (uff, klingt nach Essay..aiii.sorry!)

Soll auch einen Blog mit ähnlichem Inhalt fürs Goethe-Institut schreiben, da bietet sich das ja an – Recyclen ist ja hoch im Kurs.:-) Nicht nur in Deutschland! Hier stehen an jeder Strassenecke ca. 5 verschiedene Tonnen, wie in Dtl. Müll dort abzuladen ist sogar kostenlos, aber meine WG hatte sich schon vor meinem Einzug irgendwie gegen das Trennen entschieden, was mir natürlich im Herzen wehtat. Manchmal hab ich aber heimlich nachsortiert; bis neulich Isabella (Freundin aus Hoegyzeiten, die momentan Erasmus in Salamanca macht und mich besuchte) beobachtete, dass aller Müll mit einem Auto abtransportiert wird. Enttäuschend! Also schmeisse ich fortan auch alles zusammen, und irgendwie machts Spass…
Es ist wirklich kurios, denn in manchen Belangen sind die Portugiesen dann wiederum deutscher als wir. Zwar sind sie extrem unpünktlich im privaten Bereich, aber wenn es um Unterrichtszeiten geht, sind sie maximal 5 min. zu spät. Wenn ich da an meine Schulzeit zurückdenke… Sie sind zudem noch groessere Meister in Sachen Bürokratie. Es gibt hier für jeden Antrag mindestens fünf Formulare, die man vorher ausfüllen muss. Darum haben wir hier in der Schule auch zehn Sekretärinnen und die Schulleitung (bestehend aus drei RektorInnen) hat auch nochmal zwei, um den ganzen Papierkram zu bewältigen. Die Schüler werden auch schon früh dran gewoehnt. Der Clube Europeu (in dem ich hauptsächlich arbeite) bietet einige Schüleraustausche und Projekte an, für die sich die Schüler bewerben koennen. Bis ein Austausch erfolgreich über die Bühne gegangen ist (wie neulich der mit Rheine/Münsterland) gehen zwischen jedem Schüler und uns ca. 10 Zettel hin und her. Meist mit ähnlichem Inhalt (Interessen, Erlaubnis der Eltern, Orgadetails…). Momentan sind Schüler von uns in Rumänien. Und Schüler aus Wien sind hier zu Besuch. Im Januar fährt eine Gruppe von uns nach Geldrop usw. Die Schule ist wirklich sehr weltoffen, modern und fortschrittlich. Ich arbeite hauptsächlich im organisatorischen Bereich und unterrichte nicht so viel. Ich versuche einen Chor auf die Beine zu stellen, was nicht so einfach ist, da es in Portugal in der Regel keinen Musikunterricht gibt und die Schüler überhaupt nicht daran gewoehnt sind, dass ein solches Angebot Platz in einer Schule haben kann. Komme mir ein bisschen vor, wie in einem doofen Highschool-Film, in dem ich versuche die Musik-Nerds populär und cool zu machen. Momentan sind wir neun “Chor-Nerds” und ich plane ein kleines Promo-Konzert in der Vorweihnachtszeit als Werbung. Ein riesiger Unterschied ist aber auch das Vehältnis zwischen Schüler und Lehrer, das ein sehr viel herzlicheres und freundschaftllicheres ist, als in Deutschland. Birgt natürlich auch die Risiken, dass die Grenzen verschwimmen und ein Stück weit der Erziehungsauftrag verloren geht...(Anekdoten werden nur mündlich über-/nachgeliefert). Ambivalent ist jedoch die Anrede der Lehrer. Die Schüler sagen zwar meist den Vornamen der Lehrer, komibinieren den allerdings mit der Bezeichnung “Stora”, was ein Mix aus Senhora Dottora ist. Tjaha, so schnell bin ich zu einem Doktortitel gekommen – wir nehmen das wohl mit den Titeln einfach ein bissl zu ernst zu Haus. Außerdem ist für mich völlig neu und sehr interessant das Arbeiten mit einer integrativen Klasse. In eine unserer Berufsschulklassen (Tourismo) geht Miguel, ein wunderbarer Junge mit Asperger- Syndrom. Er lernt auch Deutsch und war darum auch diese Woche bei unserem Ausflug nach Porto dabei. Dort waren alle Deutsch- Schüler bei einem Konzert der Hamburger Pop/Rock-Band Die Fotos. Ein ganz besonderes Erlebnis für uns alle, ganz besonders aber für meine 16-Jährigen Mädels, die danach sogar Fotos mit den Fotos machen durften. Die wissen hier ganz gut, welche Quellen und Töpfe angezapft werden können und wie man dieses Geld dann unters Volk bringt. Ich kann also jede Menge lernen und habe auch schon gelernt. Zum Beispiel auch, dass Herbst nicht immer bedeutet, dass alles grau und braun wird. Nein, hier wurde plötzlich alles grün. Dank des ausgiebigen Regens.
Meine liebe Kollegin Carla


So. Das wird hier alles viel zu lang, aber ich hab euch ja auch lange warten lassen. Ich hoffe, euch geht es gut und abgesehen von Schnupfnasigkeit seid ihr alle wohlauf. Melde mich bald wieder -und ihr hoffentlich auch!
Viel Freude beim Deutschlehrertag im Goethe Institut mit Alcinda und Lisete, meinen beiden anderen lieben Kolleginnen
(Alle Rechtschreibfehler gehen heute übrigens auf die Kappe von der port. Word- Worterkennung!)

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